Würdigung 2026 Bester deutschsprachiger Roman 2. Platz

Deutscher Science–Fiction–Preis 2026
Würdigung für den 2. Platz in der Kategorie Roman:
»Denial of Service« von Aiki Mira, 
256 Seiten, Fischer TOR, ISBN: 978 3596711826

Im zukünftigen Frankfurt ist alles privatisiert, die Stadt wird von Unternehmen und Algorithmen gesteuert. Die Mächtigen leben in klimatisierten Hochhäusern – die Armen wie Obdachlose auf der Straße. Alles wird von einem künstlichen neuronalen Netzwerk gesteuert, mit dem die Bürger über Implantate interagieren. Die Handlung wird durch den Tod eines obdachlosen Teenager in Gang gesetzt. Das dürfte in dieser überwachten Stadt aber eigentlich nicht passieren, und ein Coder (Mensch) und ein Bot (gesteuert von künstlicher Intelligenz) untersuchen den Fall. Dann zeigt sich, dass der Todesfall nur ein erstes Symptom ist, es gibt Ausfälle und Systemabstürze. Jemand versucht, das neuronale Netzwerk, das die Stadt steuert, zu manipulieren. Das (private) Militär schreitet ein, während die Stadt unter einem Denial of Service–Angriff zusammenbricht. 

In der privatisierten Stadt sind die Bewohner nicht länger eigenständige Einheiten, sondern kontrollierbare Datenpunkte – und die verletzlichsten werden unsichtbar. Technologie ist nicht neutral, sondern ein Machtinstrument, das bestimmt, wer wann Zugang zu was erhält. Mit anderen Worten: Digitalisierung verspricht Effizienz, schafft aber extreme Verletzlichkeit. Soziale Ungleichheit erzeugt eine digitale Marginalisierung und die Technologie verstärkt bestehende Ungleichheiten, anstatt sie auszugleichen. Identität und Handlungsfähigkeit werden in der Partnerschaft zwischen Mensch und Bot zur Debatte gestellt; und zwischen den Menschen und der intelligenten Stadt.

Aber es gibt Hoffnung und diese Hoffnung liegt in den Beziehungen, also in dem, was uns zu Individuen macht. Aiki Mira hat über Städte geschrieben und verschiedene Elemente einer besorgniserregenden Zukunft angesprochen. In »Neongrau« war es Hamburg (organisch und feucht, eine neon–punkige Stadt), in »Neurobiest« war es Berlin (als biotechnologisches Labor), in »Proxi« war es Köln (als soziales Experiment) und hier ist es Frankfurt als privatisierte KI–gesteuerte Stadt.

Ein hervorragender Roman, der am Ende in eine große Utopie mündet, in ein Zusammenleben von Menschen, Tieren und Bots, in einen großer Traum.

Das Komitee zur Vergabe des Deutschen Science–Fiction–Preises würdigt Aiki Miras Roman »Denial of Service« mit dem 2. Platz beim DSFP 2026. 

Knud Larn
– für das Preiskomitee –
im August 2026